9. Symposium 2018 in Berlin

„Kategorisch nach 10 Jahren“ – das Jubiläumssymposium

Der Symposiumsbericht


 

„Zehn Jahre nach Gründung des Fachverband Medienabhängigkeit e.V. erfüllt sich mit der Anerkennung der Computerspielsucht durch die WHO und insbesondere der Aufnahme in den ICD-11 eine unserer zentralen Forderungen. Der Stein, der unsere Arbeit und die Versorgung der Betroffenen voraussichtlich weitreichend verändern wird, ist nun endlich ins Rollen gekommen.“


Angemessen tagte das Jubiläumssymposium im stilvollen und altehrwürdigen Festsaal auf dem pittoresken Campus des Evangelischen Johannesstifts in Berlin. Die rund 150 Gäste und Mitglieder konnten sich an einem hochkarätigen Programm über zwei Tage mit nationalen wie internationalen ReferentInnen erfreuen. Dabei reichte die Spannbreite der Vorträge, Workshops und Diskussionen in diesem Jahr – dem Anlass entsprechend – von einer rückschauenden Revue der bisher gemachten Schritte bis hin zum Status quo der aktuellsten wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnisse.

Zum großen Bedauern Aller war Detlef Scholz, der erste Vorsitzende des Fachverband Medienabhängigkeit e.V., sehr kurzfristig erkrankt. Auch kurzfristig – und vor allem für ihn selbst überraschend – eröffnete so Markus Wirtz als zweiter Vorsitzender das Symposium. Ihm zufolge – so betonte er in seinem Eröffnungsstatement – sei auch dieses „spontane und selbstverständliche Einspringen“ ein gutes Beispiel dafür, wie schnell wir uns auf neue Entwicklungen und eben auch den digitalen Wandel einstellen müssen.

Am ersten Veranstaltungstag sprach zunächst unser Ehrengast, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler, die Grußworte. Frau Mortler würdigte nicht nur anerkennend die vielen engagierten Jahre des Fachverbands und dessen Mitarbeit an relevanten Themen, sie betonte zudem die Brisanz des Themas und den unverkennbaren Handlungsbedarf auf vielen Ebenen. Die Versicherung, den Fachverband auch in Zukunft bei seiner Arbeit zu unterstützen, stimmte in diesem Zusammenhang besonders hoffnungsvoll.

Zurück an die Anfänge des Fachverbands führte eine Revue der vergangenen 10 Jahre. Die ehemaligen Vorstände Dorothee Mücken, Jannis Wlachojiannis, Andreas Gohlke und Bert te Wildt schilderten mit unterhaltsamen und erzählenswerten Anekdoten ihre ersten Treffen und Begegnungen mit anderen Fachkollegen wie Klaus Wölfling, Alexander Groppler, Knut Kiepe, Familie Zorr-Werner und Familie Freitag, sowie auch Annette Teske, Andreas Koch, Florian Rehbein und Ulrike Dickenhorst. Ebenso gedachten sie den Verstorbenen Günther Mazur und Christoph Hirte mit ihrem besonderen Pioniergeist. Zu Anfang vereinzelte ExpertInnen vernetzten sich zunehmend deutschlandweit und arbeiteten so engagiert am gemeinsamen Ziel der Verbesserung der Versorgung für Betroffene und Angehörige.

Mit der Einordnung der Computerspielsucht als Gaming Disorder in den ICD 11 berichtete Dr. Kai Müller mit seiner Präsentation über alle Neuerungen und Veränderungen und bot sowohl zur wissenschaftlichen als auch zur praktischen sowie der gesundheitspolitischen Ebene einen gelungenen Einstieg in die darauf folgende spannende Materie.

Im Anschluss folgte ein gewohnt launiger Vortrag von Dr. Oliver Bilke-Hentsch, der ausdrucksvoll und fachlich anregend einen sehr schönen Einblick in weiterführende Behandlungsmöglichkeiten von jungen Patienten gewährte. Er wusste dabei zu verdeutlichen, dass das Gefälle der Generationen im Verständnis und der Nutzung von neuen digitalen Medien keine unüberbrückbare Hürde sein muss, sondern auch Potenziale bietet. Mit seinem Modellprojekt Medialab an der SOMOSA in Winterthur präsentierte er in jedem Fall eine bemerkenswerte Besonderheit in der Versorgungslandschaft der Jugendpsychiatrie bei der Behandlung von internetbezogenen Störungen.

Auf die Vorträge folgte ein facettenreiches Workshopangebot, welches nicht nur für Bewegung der TeilnehmerInnen sorgte, sondern auch für Vertiefung in den Bereichen Prävention, Beratung und Behandlung. Die Bandbreite reichte von „körperlichen Komorbiditäten“ (Holger Feindel), dem „Arbeitszeitbetrug durch Mediennutzung am Arbeitsplatz“ (Dr.Nikolaus Bross) über „neue Konzepte in der Behandlung von Gamern und Gamblern“ (Christian Groß, Dominique Flügel) weiter zur Prävention mit „Netpiloten“ (Andreas Pauly) und dem Thema „Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen frühzeitig und effektiv erreichen“ (Peter Eichin) bis hin zu „Schnittstellen zwischen Computerspiel- und Glücksspielsucht“ (Michael Dreier).

Abgerundet wurde der erste Veranstaltungstag von Dr. Tagrid Lemenager, die mit ihrem anregenden Vortrag zu „Identität und Selbstkonzept bei Computerspielsucht“ nochmal die Aufmerksamkeit der TeilnehmerInnen für sich gewinnen konnte. So gelang es ihr, die komplexen neuropsychologischen Zusammenhänge zwischen Computerspielsucht und dem Selbstkonzept Betroffener aufzuzeigen. Durch Dr. Lemenagers fundierte Kenntnisse, sowie ihrem Talent, theoretische Konzepte in die praktische Wirklichkeit zu holen, erhielt der Vortrag den verdienten Beifall.

Im Anschluss folgte die jährliche Mitgliederversammlung des Fachverband Medienabhängigkeit e.V. Besonders hervorzuheben war hier die große Anzahl an TeilnehmerInnen aus langjährigen, wie neuen Mitgliedern des Fachverbands, die ihre Ideen und Visionen zur Zukunft des Fachverbands einbrachten. Berichte, innovative Vorschläge und anstehende Ereignisse wurden vorgetragen – natürlich nicht, ohne den Vorstand zu entlasten. Mit Dr. Detlef Scholz und Markus Wirtz wurden die beiden Vorsitzenden der letzten Jahre verabschiedet. Leider können Sie ihre Vorstandsarbeit nicht fortführen – ihnen wurde für ihr großes Engagement gedankt. Die Neuwahl des Vorstands ergab folgendes Votum der Mitglieder: Dr. Kai Müller wurde als neuer erster Vorsitzender bestimmt, Christian Groß übernimmt die Rolle des Stellvertreters. Als neue Vorstandsmitglieder wurden Laura Bottel als Beisitzerin und Kristin Schneider als Schriftführerin gewählt. Michael Dreier kehrte nach zweijähriger Abstinenz als Schatzmeister in den Vorstand zurück. Stephan Pitten, Knut Kiepe und Michael Knothe wurden als Beisitzer im Vorstand bestätigt.

Schlussendlich freuten sich die TeilnehmerInnen des Symposiums noch auf den informellen und zwanglosen Austausch beim gemeinsamen Abendessen mit anschließender Jubiläumsparty. Für manche wurde der Abend länger als geplant … und vielleicht länger, als es die anstehenden Ereignisse des zweiten Tages erlaubt hätten … aber man soll die Feste ja bekanntlich feiern wie sie fallen! Diesem Motto wurde an diesem Abend in angenehmster Manier Rechnung getragen.

Der zweite Veranstaltungstag startete – trotz teilweise verkürzter Nachtruhe – mit einem vollen Festsaal und praxisnah. Stephan Pitten stellte das aktuelle Kooperationsprojekt des Fachverbands „Bilderflucht & Cyberflucht“ vor. Stephan Pitten war es gelungen, zwei Betroffene für die Veranstaltung zu gewinnen. Die Bedeutung dieses Präventionsprojekts konnte hier eindrucksvoll herausgestellt werden. Das ebenso einfühlsame wie aufschlussreiche Interview mit den beiden, in welchem ihre individuelle Sicht auf die Problematik anschaulich dargelegt wurde, war ein besonderer Start in diesen zweiten Tag.

Besonders geehrt fühlen darf sich der Fachverband, dass sich mit Daniel Luke King ein international renommierter Experte aus Australien bereit erklärt hatte, Einblick in die zu erwartende Entwicklung von Computerspielen zu geben. Und das mit einem Anreiseweg, der kaum hätte weiter ausfallen können. Mit seinem ebenso professionellen wie ungezwungenen Vortrag verdeutlichte er nochmals, dass die zunehmende Einbindung von Monetarisierungsstrategien in Computerspielen (insbesondere für Betroffene) ein ernstzunehmendes Problem darstellt. Eine Thematik, der sich auch der Fachverband in der kommenden Zeit verstärkt annehmen wird.

Auch am zweiten Tag sollten Workshops verschiedener ExpertInnen nicht fehlen. Die Vielfalt der Themen (von Onlinesexsucht, über Motivierende Gesprächsführung bis zur betrieblichen Suchtprävention) unterstreicht die große Breite der Expertise der Mitglieder des Fachverbands.

Nach der Mittagspause sorgte eine an sich „fachfremde“ Performance für Aufsehen – Aufsehen im positivsten Sinne des Wortes! Interaktivität der Postmoderne stand beim Vortrag von Sara Lisa Vogl im Fokus. Sie berichtete über die neuen Entwicklungen aus dem Bereich der Virtual Reality berichtete und scheute auch den Sprung in die Praxis nicht. So konnten sich alle Interessierten an der „Virtual-Reality Station“ von der VR-Technologie überzeugen und im wahrsten Sinne des Wortes darin eintauchen.

Danach hieß es beim Vortrag von Norbert Goedecker-Geenen von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) „back to reality“. Herr Goedecker-Geenen informierte fundiert über die Haltung der DRV zu diesem neuen Störungsbild, und dies unpolitisch, unvoreingenommen und informiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit!

Die abschließenden Vorträge von Christian Groß über die „Möglichkeiten schematherapeutischer Ansätze bei der Therapie von Internetsucht“, sowie der Vortrag von Dr. Bert te Wildt zu den „Potenzialen und Hürden virtueller Psychotherapie bei Internetsucht“ stellten einen gelungenen Ausklang des Symposiums dar.

Was bleibt als Fazit dieser gelungenen Jubiläumsveranstaltung? Hier lohnt sich der Blick auf die Ankündigung zum Symposium:


„Dennoch bleiben weiterhin Fragen und Aufgaben im Feld der Computerspielsucht und anderer internetbezogener Störungen offen. Auch zukünftig widmen wir uns diesen Aufgaben und formulieren die richtigen Fragen.“


In diesem Sinne ganz praktisch: Packen wir es an!

Auf Wiedersehen beim 10. Symposium 2019 in Mainz.