4. Symposium 2013 in Kassel

ANGEKOMMEN!
Die Aufnahme von Internet-
und Computerspielsucht
in das DSM V


14. und 15.11.2013
Kassel

 

Am 14. und 15. November 2013 war es endlich soweit: Das vierte Symposium des Fachverbands Medienabhängigkeit öffnete in Kassel seine Pforten. In altbewährter Manier stellte das Programm eine Mixtur dar aus Fachvorträgen und praxisbezogenen Workshops von angesehenen Fachleuten, allesamt ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Internet- und Mediensucht.

Einfach war es im Vorfeld sicher nicht gewesen, diese doch recht umfangreiche Veranstaltung zu planen und umzusetzen. Dies lag unter anderem auch an der in diesem Jahr besonders knappen Finanzierung. Umso erfreulicher war es, dass das Bundesministerium für Gesundheit doch einen Zuschuss gewähren konnte, was die Durchführung der Veranstaltung letztlich doch ermöglichte. Da das Budget nichtsdestotrotz knapp bemessen blieb, ist es nicht zuletzt dem Verzicht vieler Vortragenden auf das eigentlich redlich verdiente Vortragshonorar zu verdanken, dass das Symposium kostendeckend angeboten werden konnte. Ganz herzlichen Dank dafür!

Das Programm selbst war, ganz ähnlich wie bei den früheren Veranstaltungen, recht breit angelegt. Von wissenschaftlichen Hintergründen zu substanzungebundenen Abhängigkeitserkrankungen, diagnostischen Kriterien der Internetsucht gemäß DSM-5, über psychotherapeutische Erfahrungswerte und neue Erkenntnisse zu den negativen Konsequenzen der Internetsucht wurde alles abgedeckt, was dieses noch junge Feld derzeit zu bieten hat. Besonders erfreulich war auch, dass es erneut gelang, nationale und internationale Kapazitäten als Referenten anzulocken. Den Auftakt der Veranstaltung machte Prof. Dr. Marc N. Potenza von der Yale Universität, USA. Prof. Dr. Potenza beschäftigt sich seit Jahren mit substanzungebundenen Suchterkrankungen und trug in seiner fundierten und sympathisch vorgetragenen Rede dazu bei, die Ähnlichkeiten der Internetsucht (die ja nach wie vor nicht von allen Experten als Suchtstörung aufgefasst wird) mit anderen Abhängigkeitserkrankungen nachvollziehbar zu machen. Interessant waren auch die Einblicke, die er über die Arbeit des Gremiums der American Psychiatric Association (APA) bot, welches mit der Definition der diagnostischen Kriterien für das DSM-5 betraut war. Insgesamt wurde aus seinem Vortrag deutlich, dass Internetsucht viele Parallelen zu anderen Suchterkrankungen aufweist und dass seiner Einschätzung nach die Aufnahme der Internet Gaming Disorder in den Anhang des DSM-5 einen wichtigen Anstoß geliefert hat, um das Störungsbild auch langfristig als offiziell anerkannt Erkrankung zu etablieren.

Dr. Klaus Wölfling von der Ambulanz für Spielsucht Mainz griff in seinem Vortrag die von Prof. Dr. Potenza ausgeführten Inhalte auf und stellte Untersuchungen zur Güte der einzelnen diagnostischen Kriterien vor. Darauf folgte eine praxisnahe Vorstellung einzelner Elemente eines verhaltenstherapeutischen Therapiemanuals, welche Dr. Wölfling mit Erfahrungsberichten aus seiner eigenen therapeutischen Tätigkeit mit Betroffenen ergänzte. Aus dem Vortrag wurde deutlich, dass die aktuellen im DSM-5 festgehaltenen diagnostischen Kriterien der Internetsucht als vorläufig angesehen werden sollten und weitere Forschung auf diesem Gebiet notwendig bleibt. Gleichzeitig zeigen erste nationale und internationale Befunde zur Wirksamkeit der Psychotherapie bei Internetsucht vielversprechende Erfolgsquoten.

Als weiterer internationaler Gastredner trat Prof. Dr. Mark Griffiths von der Nottingham Trent University in Großbritannien auf. Prof. Dr. Griffiths beschäftigt sich seit der ersten Erwähnung dieses Phänomens mit Internetsucht und berichtete ausführlich über den gesundheitspolitischen Stand zur Problematik in Großbritannien. Er ergänzte zudem die bisherigen Ausführungen über diagnostische Kriterien der Internetsucht, indem er eine inhaltliche Abgrenzung zu anderen exzessiven Verhaltensweisen veranschaulichte.

Auch über den Auftritt von Dr. Hans-Jürgen Rumpf, Projektleiter der vielzitierten PINTA-Studie durfte man sich freuen. Die Zuhörer des Symposiums erhielten in diesem Vortrag die Gelegenheit, als einige der ersten über die neuen Ergebnisse der Nachfolgeuntersuchung zur PINTA-Studie (PINTA-DIARI) informiert zu werden. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen deutlich, dass die in der Vorgängerstudie gefundene Prävalenz auch in den klinischen Interviews bestätigt werden konnte. Darüber hinaus konnte erneut demonstriert werden, dass Patienten mit Internetsucht eine deutlich erhöhte allgemeine psychische Symptombelastung aufweisen. In puncto berufliche Leistungsfähigkeit erleben Personen, die unter Internetsucht leiden vergleichbare Einschränkungen durch die Erkrankung wie Menschen mit einer Depression. Der Vortrag unterstrich insgesamt also einmal mehr, dass Internetsucht kein Modephänomen ist, sondern eine ernstzunehmende und behandlungswürdige Erkrankung, die mit viel Leid verbunden ist. Eine ausführliche Kommentierung der Befunde von PINTA-DIARI finden Sie HIER.

Den Abschlussvortrag hielten die Fachverbandsmitglieder Michael Knothe und Jannis Wlachojiannis. Hier erfuhren die Zuhörer mehr über die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Computerspiele. Während vor einigen Jahren bestimmte Online-Rollenspiele noch den Hauptteil der suchtartigen Nutzung bedingten, hat sich mittlerweile die Lage etwas verändert. Spiele mit teilweise sehr unterschiedlichem Gameplay sind zunehmend verbreitet unter Patienten mit Internetsucht. Dies berichtete zumindest Jannis Wlachojiannis und erntete hier zustimmende Kommentare seitens anderer Behandler aus dem Publikum. Dass die Entwicklung auf diesem Sektor noch weiter gehen wird, führte Michael Knothe unter Verweis auf aktuelle technische Fortschritte und Verschmelzungen zwischen Computerspielen und Glücksspielen aus.

Die Workshops fielen etwas spontaner aus, als erwartet, was daran lag, dass kurzfristig leider zwei Referenten krankheitsbedingt ausfielen. Erfreulicherweise erklärte sich Franz Eidenbenz spontan bereit, einzuspringen und einen Workshop zum Thema systemische Beratungsansätze bei Mediensucht anzubieten. Dafür sei ihm an dieser Stelle nochmals ein ganz ausdrücklicher Dank ausgesprochen! Ulrike Dickenhorst, therapeutische Leiterin der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh, bot ihren Workshopteilnehmern Einsichten in ihre Erfahrung bei der stationären Behandlung von Menschen mit Internetsucht. Eva Duven aus der Ambulanz für Spielsucht Mainz stellte Inhalte eines ambulanten Behandlungsprogramms dar, wobei sie einen Schwerpunkt auf die Behandlung von betroffenen Jugendlichen legte. Dr. Angelika Beranek stellte die Beratung Internetsüchtiger aus der medienpädagogischen Perspektive vor und Andreas Pauly und Dr. Detlef Scholz befassten sich mit präventiven Handlungsmöglichkeiten.